"Dollar Street": Dieses phänomenale Projekt wird euren Blick auf die Welt verändern (2024)

Warlords in Afrika, Wall-Street-Banker in den USA, Wanderarbeiter in Osteuropa - ist die Welt wirklich so unterschiedlich, je nachdem, wo man lebt? Die Schwedin Anna Rosling Rönnlund wollte das genauer wissen und startete ein unglaubliches Projekt: Die "Dollar Street".

Warum leben Menschen in Indien eigentlich anders als in Schweden? Liegt es an der anderen Kultur, dem Wetter, der Politik? Die Schwedin Anna Rosling Rönnlund vom Gapminder-Institut versuchte es mit einem anderen Ansatz: Was, wenn uns eigentlich nur unser Einkommen unterscheidet?

29 Dollar in Indien versus 10.058 Dollar in China

Sie schickte ein Team um die Welt, um den Alltag von 264 Familien in mehr als 50 Ländern abzubilden. Sie machten Fotos von den Menschen, ihren Haustüren, Betten, Küchen, dem Spielzeug, sogar den Toiletten und Zahnbürsten. 135 Bilder gibt es pro Familie.

"Dollar Street": Dieses phänomenale Projekt wird euren Blick auf die Welt verändern (1) © Screenshot von https://www.gapminder.org/dollar-street/

Alle Bilder - es kommen stets weitere hinzu - ordnete Rönnlund in einer imaginären "Dollar Street" an. Die ist so aufgebaut, dass an einem Ende diejenigen mit dem geringsten Einkommen wohnen und am anderen Ende die mit dem höchsten Einkommen.

Auf der Webseite dazu lassen sich dann die Bilder aus jedem Bereich der Straße einsehen und mit anderen Bereichen vergleichen. Die Spannweite reicht von der Familie Kabura aus dem zentralafrikanischen Burundi (29 Dollar Monatseinkommen) bis zur Familie Bi aus China (10.058 Dollar Monatseinkommen). Alle Einkommen sind auf eine gemeinsame Kaufkraft, dem PPP-Dollar, geeicht, so dass Unterschiede in den Lebenshaltungskosten keine Rolle spielen.

Bilder aus Deutschland fehlen bisher

Deutschland ist bisher nicht mit Familien vertreten, würde sich aber eher am reichen Ende der Skala einordnen, in der "besseren" Nachbarschaft. Das alleine ist schon eine wichtigere Erkenntnis, als man glaubt. Denn bevor Rönnlund das Projekt startete, bat sie Studenten der Stockholmer Universität, sich doch auf der imaginären Straße einzuordnen. Die meisten wählten ein Haus in der Mitte der Einkommensskala - obwohl Schweden wie Deutschland zu den einkommensstärksten Ländern der Welt gehört.

Doch viel wichtiger ist Rönnlund die Erkenntnis, dass sich die Lebensumstände weniger dadurch unterscheiden, wo eine Familie wohnt, sondern vielmehr dadurch, wie viel Einkommen sie hat. In einem Vortrag der US-Reihe "Ted" zeigt sie das eindrucksvoll an einigen Vergleichsbildern.

So lässt sich bei den Bildern von zwei Erdlöchern kaum sagen, ob dies die Toilette der Chowdhurys aus Indien ist oder der Idles aus Somalia. Auch die Toiletten in den USA, Schweden und China sehen exakt gleich aus, obwohl sie aus drei verschiedenen Kontinenten und Kulturkreisen stammen.

"Dollar Street": Dieses phänomenale Projekt wird euren Blick auf die Welt verändern (2) © Dollar Street

Diese Ähnlichkeit verschiedener Einkommensklassen auf verschiedenen Erdteilen kann Rönnlund bis ins Unendliche fortexerzieren. Am Beispiel der Zahnbürsten zeigt sie, dass überall auf der Welt die ärmsten Menschen ihre Finger benutzen, mit steigendem Einkommen dann zu simplen Plastikbürsten übergehen, die ab einem bestimmten Einkommen dann zu robusteren Bürsten wechseln und schließlich in elektrischen Zahnbürsten enden. Auch Haustüren, Spielzeug, Betten und das Küchengeschirr sehen in ähnlichen Einkommensklassen nahezu gleich aus.

Noch interessanter wird es, wenn wir verschiedene Familien aus einem Land, aber unterschiedlichen Einkommensklassen miteinander vergleichen. Die Unterschiede sind hier meist größer als zu Ausländern mit demselben Einkommen.

"Stereotypen verschwinden, wenn wir uns den Alltag ansehen"

Doch was will uns die Schwedin damit zeigen? "Ich habe 15 Jahre damit verbracht, Daten über die Welt in interessanten Grafiken zu visualisieren", erklärt Rönnlund, "aber ich hatte nicht das Gefühl, dass das das Alltagsleben auf verschiedenen Einkommensniveaus verständlicher gemacht hat."

Die Idee zur "Dollar Street" kam ihr dabei durch Fernsehnachrichten: "Menschen in anderen Ländern werden uns oft als gruselig oder exotisch präsentiert", sagt sie und zeigt zu Beginn ihres Vortrages Bilder von Naturkatastrophen, Kriegen in Afrika, Seuchen in Asien oder Flüchtlingen im Mittelmeer. "Das muss sich ändern. Ich wollte zeigen, wie Menschen wirklich leben."

Finanziert wird das Projekt hauptsächlich durch Spenden. Die sind auch weiterhin nötig, um weiter Bilder und Kurzvideos zur Datenbank hinzuzufügen und die Webseite in sechs weitere Sprachen neben Englisch zu übersetzen. "Die Bilder, die wir in den Medien sehen, verstärken oft irgendwelche Stereotypen, die wir mit bestimmten Regionen oder Ländern verbinden. Aber wenn wir uns die Alltagsgegenstände auf der Welt betrachten, lösen sich die meisten davon in Luft auf."

Von Christoph Sackmann

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Author: Delena Feil

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